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Transsexualität - NGS

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Die Story eines Rückkehrers

 

Die Story eines Rückkehrers

Ich muss Euch was erzählen. Ich frage mich seit Langem wie ich damit rausrücken soll ohne mich als Vollleuchte zu outen. Ein Grund wieso ich mich fast drei Jahre von hier ferngehalten habe. Ist nicht einfach aber ich mach es jetzt einfach!

Sagen wir vor ein paar Jahren bin ich hier das erste Mal aufgeschlagen. Ich war verwirrt, unhappy, mental Matsche und extrem genervt davon Frau zu sein. Auf Fragen, die jeder beantworten konnte, fehlten mir die Antworten. Was bin ich, wer bin ich (&wenn ja wie viele). In wen verliebe ich mich oder kann ich mich verlieben. Und wenn ich liebe wie liebe ich? Als Mann als Frau als irgendwas oder beides? Schwul? Lesbe? Bi? Pan? (Cake?)

Ja das war nicht schön! Aber dann war ich hier und fühlte mich richtig am Platz. Hier gab es Menschen die genauso nach Antworten suchten und dieselben Fragen stellten. Das war der Wahnsinn! Ich war nicht mehr alleine. Dieses Forum wurde mein zweites Wohnzimmer. Alles wurde begeistert aufgesaugt. Und nach dem ersten Begeisterungsschwung kamen die Zweifel und Ängste was das für mich und meine Zukunft bedeutet. In der Theorie konnte ich es bis in alle Zeiten wälzen. Ich wollte machen.

Tatendrang! Es wurden Binder bestellt, Titten weggequetscht, Haare geraspelt, Bros Klamotten gemopst, die Gangart modifiziert, nächtelang Packer Bastel-Sessions abgehalten und der drei Tage Bart mit Kajal skizziert. Ich war so glücklich und es fühlte sich so richtig richtig RICHTIG an. Es folgte der Adrenalin-Kick nach dem ersten Besuch des Männerklos. Den Endorphin-Schub nachdem erste Passing auf der Straße. Der innerliche Jubelschrei als ich das erste Mal mit „Herr“ angeredet wurde (zugegeben 12-13 jähriger Herr). Rückblickend betrachtet. Man war ich high vom Trans sein!

Ich war mir meiner schon ziemlich sicher muss ich sagen. Da gab es zwar noch diese flüchtigen Momente mit Zweifeln. Wegen den OP’s, wegen dem Outing, meinen Eltern, den Freunden, der Furcht ein Leben lang nichts Halbes und nichts Ganzes zu sein und bitterlich alleine den Rest meines Lebens zu fristen. Muffensausen! Aber auch da war ich nicht alleine. Wieviele von Euch hatte nicht wenigstens einen der Gedanken? Ich wollte es angehen um voran zu kommen. Um es endlich Schwarz auf Weiß zu haben ging es zum Psychologen. Die Indikation gab es nach drei Gesprächen und lautete F64.0. Als ich die Trans-Experten Koryphäe fragte „Echt jetzt?!?“ antwortete er mir „Trans zu sein sucht man sich nicht aus!“ Klang logisch!

Das war so einfach gewesen und ich hatte es jetzt auf Papier das ich ne waschechte Transe bin! Genauso easy wie beim ersten Gutachten schmiss man mir das zweite hinterher. Ich durchlief mentale Höllenqualen wegen dem Outing bei meiner Familie und Freunden. Wurde mit Freudentränen als neuer Sohn und Kumpel in Empfang genommen und sprang meinem Endo förmlich mit meinem Arsch ins Gesicht um endlich die erste Testospritze zu bekommen. Dann noch ab VÄ, PÄ beantragen und die Krankenkasse aufschrecken.

Ich befand mich wirklich auf dem besten Weg ein ganzer Mann zu werden. Ich fühlte mich bombe. Hatte Energie für zehn. War zwar ne Transe aber weder alleine noch ungeliebt. Alles perfekt! Über perfekt!

 

..... Und dann?

Zwei Jahre vergingen an die ich mich ehrlich gesagt kaum erinnere. Ich weiß dass in den ersten Monaten meine Stimme tiefer wurde, meine Potenz nie besser war und da unten was expandierte. Danach wird es nebulös in meinem Gedächtnis. Ich versuche es trotzdem zu rekonstruieren.

Es fing recht harmlos an. Ich schluderte beim Briefwechsel mit Gericht, MDK und der Krankenkasse. Bekam trotz allem Zusagen zu den OP’s, hatte die VÄ durch und der Termin für die Mastek wurde gesetzt. Ich stand in den Startlöchern und war auf einmal gelähmt. Nichts ging. Ich vergaß mir rechtzeitig die nächste Spritze zu besorgen. War durch den Wind ohne zu wissen wieso. War verwundert weil ich eigentlich glücklich hätte sein müssen. Dabei versank ich immer tiefer in Depressionen die irgendwann soweit reichten, dass ich weder für mein Studium noch für die Arbeit taugte. Ich machte alle Schotten dicht. Verlor meinen Job, meine Beziehung, viele Freunde und dümpelte in dem Delirium etwa eineinhalb Jahr rum.

Für mein Umfeld eine schlimme Zeit, für mich auch. Irgendwie. Aber irgendwie war ich nicht wirklich dabei. Totales Blackout. Die Schlüsselszene wo ich wieder „ich“ war ist mir bestens hängen geblieben. Ich hatte einen Alptraum. Ich war ein Transmann der eigentlich Frau sein wollte. Schweißgebadet aufgeschreckt mit dem Gedanken „Zum Glück nur ein Traum!“ bis ich so klar war um zu begreifen das dass meine Realität war und es mit „Was tu ich mir eigentlich an?“ auf den Punkt brachte.

Ich kann es nicht anders deuten als eine Schutzreaktion. In den Monaten darauf wurde das Thema Trans komplett ausgeblendet. Weg ignoriert. Welt wunderte sich, ich mich nicht weil mir war so gut wie alles egal. Ich suchte mir Arbeit, zog in dem Kontext auch erst mal ans andere Ende von Deutschland um allen Schwulitäten aus dem Weg zu gehen und machte mich dran die letzten Jahre zu „resetten“. Wenn wer fragte was den nun los wäre und was ich den jetzt wäre, gab es die Einheitsantwort „Was-auch-immer!“

Ich war lange sehr wütend auf mich und was mich auch immer geritten hatte. Ich kam mir dumm und vorgeführt vor. Was hatte ich deswegen nicht alles verloren. Und noch schlimmer: Was habe ich damit meinem Umfeld angetan? Für nichts und wieder nichts? Das aller aller Schlimmste: Ich hatte keine Antworten wie und wohin es für mich gehen sollte. Ich kann nicht behaupten, dass ich von heute auf morgen wieder bewusst Frau sein wollte oder war. Das hat ewig gedauert. Auf dem Weg dahin gab es x Gespräche, Vor & Zurücks, Wenn & Aber. Irgendwann bei einem Blick im Spiegel gab es den Gedanken „Was ne schöne Frau!“ und ich konnte nach langer langer Zeit mich endlich mal wieder lachen sehen. Seit dem Moment ging es Berg auf.

Die letzten zwei Jahre über hab ich vieles über mich gelernt. Ich will jetzt nicht meine „Ursachen“ für diesen Irrweg offen legen sonst wird das hier ein Buch und alle Antworten habe ich auch bis heute nicht allumfassend parat. So sehr ich es bereue mit solchen massiven Entscheidungen und Aktionen meine Umwelt überfallen zu haben. Aus jetziger Sicht wäre ich wahrscheinlich ohne das nicht die Person die ich heute bin. Und ich bin gerne so wie ich bin. Es hat dazu beigetragen das viele suggestieren, anerzogene und missinterpretierte Verhaltensregeln, Rollenverständnisse und Vorurteile von mir abgefallen sind. Ich habe mir mein „Frau sein“ neu definiert und gestaltet. Es passt jetzt zu mir. Mit dem Abstand kann ich es schon mit Humor nehmen. Ich wunder mich noch an manchen Tagen. Aber es ist okay.

 

Wieso ich euch mit meinem Erlebten zutexte?

Einmal um damit abzuschließen. Wer über so etwas reden kann hat es glaube ich verarbeitet. Zum anderen... vielleicht wäre ich früher aus dieser Nummer ausgestiegen wenn es mehr Leute gegeben hätte die trotz Indikation und dem Gefühl alles richtig zu machen doch das Falsche getan haben. Ich kannte damals vom lesen nur zwei. Und bei zwei von tausenden redet Mann sich gerne ein das man selbst unter den tausenden bestimmt nicht einer dieser komischen Menschen ist die sich „vertan“ haben. Ich habe hinterher mehr Rückkehrer kennen gelernt. Keiner von ihnen war komisch oder verrückt. Jeder hatte seine Gründe wieso er in den Irrglauben getappt ist.

Zudem muss ich nochmal festhalten, dass ich bei jedem Gutachten bei den absoluten Koryphäen in der Trans Diagnostik die Bank gedrückt habe. Ich habe mir nicht explizit die rausgepickt die dafür bekannt sind, mit positiven Gutachten um sich zu schmeißen. Ich habe es fünfmal Schwarz auf Weiß das ich Transsexuell bin und ich bin es nicht! Was mir persönlich zeigt: Der ganze Terror der psychologischen ärztlichen Begutachtung als Schutzmechanismus hat seine Daseinsberechtigung, aber selbst durch das Raster kann jemand flutschen. So wie ich.

 

Mein Anliegen an Euch...

Ich kenne es noch gut das Gefühl alles auf einmal und sofort, am besten gestern schon hinter mir haben zu wollen. Ich habe vorbildlich jedes Klischee eines Transmann Werdeganges erfüllt und mich bei jedem Schritt tatsächlich besser gefühlt. Bis zuletzt. Ich hatte sehr viel Glück das ich nur vier Monate Testosteron genommen hatte und sich eine VÄ einfacher rückgängig machen lässt als eine Mastek oder einen Aufbau. Trotzdem wünsche ich niemand den Weg zurück durchmachen zu müssen. Weder Euch als Betroffenen noch Eurem Umfeld. Deswegen lasst euch ausreichend Zeit. Sucht Euch keine Gutachter die einfach zu handhaben sind. Bleibt bei Eurer Wahrheit und erzählt nichts was nicht stimmt und der Gutachter hören will!

 

Etwa 99 % werden ihren Weg trotzdem gehen, selbst wenn es länger dauert. Dem einen kann es aber vieles ersparen!

 

Alles Liebe Euch!

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Letzte Bearbeitung: 13.03.2022, 01:14

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